:. reggae & dancehall history
© 2001 Stephan Li, Wien. Aus der Semesterarbeit "Chant Down Babylon, Sklaverei in Jamaika - Widerstand und kulturelle Auswirkungen".
Historischer Überblick über die Musik Jamaikas
Die Musik Jamaikas lässt sich in traditionelle Musik und Populärmusik einteilen. In den Zeiten der Sklaverei versuchten die Briten "die Sklaven zu zivilisieren und selbst eine Verbindung zum Herkunftsland zu halten", und führten daher " eine euro-westliche religiöse" und ihre "säkulare Musik ein." Von den Sklaven aufgenommen, und mit afrikanischer Musik vermischt entstanden viele verschiedene Musikrichtungen.
Die Musik entwickelte sich weiter und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstand eine jamaikanische Popmusik. Da man bei uns Jamaika nur mit Reggae verbindet, möchte ich meiner "Lieblingsmusik" noch einen Exkurs nach England und in die USA widmen, wo der abgeänderte jamaikanische Ska international ebenso erfolgreich produziert wurde wie der Reggae.
Pukkumina und Zion
Zur Zeit des Revival entstanden diese zwei Kirchen. In Pukkumina-Zeremonien holt man die Duppies zurück zur Erde, spricht mit ihnen und sperrt sie danach wieder in christliche Symbole ein. Im Zion-Tanz beschwört man das Leiden Jesus.
In beiden Zeremonien steht ein Tanz im Mittelpunk, in dem der Gesang zu einem heftigen Atmen wird, und die Tanzenden in Trance fallen lässt.2
Nyahbinghi - Tod allen weißen Unterdrückern und deren schwarzen Verbündeten
Viele Rastafaris sind gegen das Vorurteil, dass Reggae die Musik der Rastafari sei. "Reggae is some sort of mix-up, mix-up business. Only Nyahbinghi music is divine and pure Rastafari music."
Während des Zweiten Weltkrieges, als Äthiopien noch italienische Kolonie unter Mussolini war, erfuhr die noch junge Rastafari-Gemeinde von einer pan-afrikanischen Geheimgesellschaft die vorhatte Äthiopien und ganz Afrika von seinen Kolonialherren zu befreien. In Jamaika wollte man diese Gesellschaft, Nyahbinghi "spirituell, durch Words, Sounds und Power unterstützen."
"Nyahbinghi means war, but the weapon it uses is love, because only love can conquer evil. But if love can't conquer the evil in a person, then the final judgement will be dreadful, which could be no other than death to black and white downpressors".
"Wenn die beiden stehend geschlagenen, ölfassgroßen Basstrommeln Gun Court und Armageddon den Herzschlagrhythmus der kleineren Fundehtrommeln betonen und sich mit den stakkatoartigen "Attacken" der repeater-Spieler zu machtvollen Sounds vereinen, um die Gesänge(Words) der Tanzenden zu verstärken, denn arbeiten die Waffen von Rastafari mit `ihrer vollen Power`." Meist zu Festtagen, "am 21.April, dem Tag der Ankunft Haile Selassies anlässlich eines 4-Tage Besuchs in Jamaika; am 23. Juli, dem Geburtstag von Haile Selassie, und am 2. November, dem Jahrestag seiner Krönung" werden in den Versammlungen, die Grounations und Binghis genannt werden Gott, Jah und das Niedersingen Babylons gefeiert. Zu manchen Binghis wird gegen das Böse - z.B. in Form eines Staatsbesuchs eines Delegierten, der Südafrikas Regime unterstützt - gefeiert. Die Musik und das Rauchen von Ganja bestimmen das Fest, das mehrere Tage über stattfinden kann. Nyahbinghi setzt sich hauptsächlich aus Burru- und Kumina-Elementen zusammen.
Kumina
Kumina zeichnet sich durch seinen Herzschlagrhythmus der von den zwei Trommeln, der Kbandu, deren Betonung auf dem 1. und 3. Schlag liegt(Herzschlag), und der playing cast, mit einem komplizierterem Rhythmus, der "die Geister der Vorfahren rufen soll."
Das Kumina-Ritual beginnt mit dem Tanz und dem Gesang der Führer, dem King bzw. Captain und der Queen bzw. der Mother. In diesen Gesängen werden die Ahnen angefleht, "zu erscheinen und von den Anwesenden Besitz zu nehmen". Danach wird zur Musik "besessen" getanzt und anschließend ein Tier geopfert.
Nach der Abschaffung der Sklaverei im 19. Jahrhundert kamen viele Vertragsarbeiter aus Zentralafrika nach Jamaika. Sie brachten "neben ihrer Arbeitskraft auch ihre spirituellen und musikalischen Traditionen" mit. Kumina ist entstanden und wurde später von den Rastafari aufgenommen. Der Herzschlagrhythmus findet sich in verlangsamter Form im Reggae wieder.
Burru
"Burru war ursprünglich ein Fruchtbarkeits-Maskentanz, der jedoch schon sehr früh seinen rituellen Charakter verlor und nur noch in säkularisierter Form weiterbestand."
Burru war die einzige Trommelmusik, die von den Weißen zur Zeit der Sklaverei geduldet war. Denn, "obwohl" sie ein Kommunikationsmittel für die verschiedenen Afrikaner und somit die afrikanische Identität aufrecht erhalten konnte, sollte Burru das Arbeitstempo der Sklaven beschleunigen.
Nach der Sklaverei zogen viele Burru-Musiker in die Ghettos von Kingston. Innerhalb einer Gemeinde wurden zu Silvester Lieder gespielt, in deren Texten es um aktuelle Ereignisse und um die Sünden, die ein Mitglied der Gemeinde begangen hat, ging. Damit wollte man das Dorf für das nächste Jahr von seinen Sünden freisprechen.
Neben dem Burru-Trommelset - Fundeh-Trommel, Basstrommel und Repeater(Gegenschlag) - war man offen für andere Instrumente, die den Rhythmus unterstützten. Außerdem, um z.B. über die Sünden einer Person zu berichten, räumte die Burru-Musik "der vokalen Expression einen hohen Stellenwert" ein.
Ende der 30-er Jahre verminderte sich die Zahl der Burru-Anhänger. Da die Rastafari-Bewegung noch keine eigene Musik hatte, die Burru-Bewegung keine eigen Religion und sich beide sehr ähnelten, schlossen sich viele Burru-Musiker den Rastafaris an.
Mento
Mento ähnelt stark dem Calypso und gilt als die Volksmusik Jamaikas.
Ende des 19. Jahrhunderts verband man karibische, europäische und afrikanische Stilrichtungen und Elemente. "Er entstand als Folge eines Kreolisierungsprozesses, der Elemente der in Jamaika populären europäischen Tänze wie Quadrille oder Mazurka mit Elementen afro-jamaikanischer Musiktradition wie Jonkunno oder der kubanischen Rumba verband."
Die Größe einer Mento-Band ist sehr verschieden, und reicht von einem ländlichen Harmonikaspieler der von wenigen Rhythmusinstrumenten begleitet wird, bis zu einem großen Orchester. Es gibt viele Variationen von Mento, wie z.B. "den städtischen Mento, der in den fünfziger Jahren durch die Verwendung elektronischer Musikinstrumente den Übergang von der Volks- zur Pop-Musik ankündigte."
Raggamuffin und Dancehall
Als Jamaika in den frühen 80er Jahren politisch endlich wieder einen Zustand annähernder Stabilität erreicht hatte und einen kurzzeitigen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte, war die Zeit der Dancehalls - also der Soundsystems - gekommen. Im Dancehall waren die Produzenten die Musiker. Sie veränderten gegebene Riddims zu neuen Liedern. 1985 entstand der digitalisierte Reggae, Raggamuffin.
Auch in Londoner Dancehalls pumpten bereits damals riesige Boxenwände den Bass alter Studio One Riddims, versetzt mit live performtem Gesang ins Publikum. Mit der Kommerzialisierung des Reggae und dem internationalen Erfolg änderten sich auch die Lyrics. Viele religiöse musikalische Bestandteile und Themen (Conscious-Reggae, Weed-Tunes, Nyabinghi), wie beispielsweise Rastafari, wurden durch Materialismus und - auf Grund der Errungenschaften des Rastafari - schwarzes Selbstbewusstsein ersetzt. Hinzu kamen knallharte sexuell orientierte Themen (Batty-Tunes, Sloggy-Tunes). Beispielhaft können Tunes von Admiral Bailey, wie "Punanny" (1987) oder "Cocky Did A Hurt Me" von Yellowman (1987) genannt werden.
Jamaika spricht offen über Sex, Verklemmtheit scheint es dort nicht zu geben. So ist es nicht verwunderlich, dass viele junge Mädchen im Alter von 13 Jahren bereits Mutter sind. Vom Vater fehlt aber meißt jede Spur. Doch Abtreibung, wie in "Murder She Wrote" von Chaka Demus & Pliers (1987), oder Homosexualität werden geächtet, verachtet und veruteilt. In den späten 80ern nahmen die Hetztiraden in den Dancehalls teilweise Hexenjagd-ähnliche Ausmaße an. Anfang der 90er Jahre entstanden eine Vielzahl sogenannter Batty-Tunes. Selbst Buju Banton entgleiste mit "Boom Bye Bye" und "Batty Rider", von denen er sich selbst später distanzierte. Die waren Botschaften blieben dem westlichen Publikum oft verborgen, waren Sie doch ausschließlich in Patois, der jamaikanischen Landessprache vorgetragen. (Jetzt unser Patois-Lexikon nutzen!)
Boogle
Mittlerweile hat sich in den Dancehalls ein eigener Stil entwickelt. Drum und Bass haben die Vorherrschaft übernommen. Andere, meist computergenerierte Instrumente sind in den Hintergrund geraten. So wundert es nicht, dass sich viele Beat-Elemente des Boogle auch im Drum&Bass wiederfinden.
Effekte (Hall, Echo, Delays) werden oftmals live von den Soundboys (Soundsystem Crew) dazugegeben. Wie in den frühen 50er und 60er Jahren heizen auch heute MCs dem Publikum ein. Auch ist der Kampf um die gefragtesten Riddims und Versions nach wie vor gelieben. Und die Bedeutung von Vinyl und Foundation-Songs aus den frühen Jahren ist hier nach wie vor ungebrochen. Zum Glück!
Viele Soundsystems verwenden beliebte Riddims (Instrumentalversionen) oder produzieren eigene Riddims und buchen schließlich bekannte Sänger für die Aufnahme von Tribute-Versions und Station-IDs. Darin proklamiert der Artist das entsprechende Soundsystem als Champion-Sound, No. 1 Sound o.ä. Meist werden die Tracks auf Dubplates (7-inch oder 10-inch Vinyls) geritzt. Unerlässlich batteln sich die Sounds bei sogenannten Sound-Clashs mit Ihren Dubplate-Unikaten um die Gunst des Publikums. Dabei stört es viele nicht, wenn der Gegner den gleichen Riddim abspielt - seine Version wird schon das Rennen machen.
Von Rocksteady zum Reggae...
Die Entwicklung nahm ihren Lauf und schon ein Jahr später veröffentlichten die Maytals den Song "Do the Reggay". Wenn auch in ungewöhnlicher Schreibweise - der Begriff Reggae tauchte zum ersten Mal auf. Woher genau der Begriff kommt, bleibt mal wieder im Dunkeln. Es gibt jedoch die unterschiedlichsten Versionen. Eine besagt, Reggae sei eine Entstellung des Wortes "streggae", Straßenslang aus Kingston für eine Prostituierte. Eine andere hält Reggae für ein Ulkwort, daß den holprigen ("ragged") Rhythmus und das Körpergefühl beschreibt. Wie auch immer.
"Reggae ist in Wahrheit Volksmusik, zu der die rude boys genauso tanzen wie ihr Grannys, er ist Ausdruck ihrer Kultur ihrer Wünsche und Bedürfnisse, ihrer Erlebnisse und Ansichten in einem Spannungsfeld zwischen unbekümmerter Ausgelassenheit und sozialer Depression."
Auf Grund verbesserter Studio- und Produktionstechniken entstanden in den 70-ern verschiedene Reggaerichtungen:
In der Dub-Music ist der Mann am Mischpult der eigentliche Musiker, er mixt aus Rohmaterial neue Lieder. Heute wird diese Technik in der westlichen Musikindustrie immer noch genutzt. Da die meisten Dub-Lieder nur instrumental waren, hatte der DJ während eines Liedes viel Zeit zu "toasten". Es entwickelte sich eine neue Musikform, die Deejay-Version, in der der DJ bzw. MC ("Master of Ceremonie") oder Toaster im Rhythmus des Dub-Songs sprach. "Mit dem Aufkommen der Dub Versions und der Entstehung einer eigenen Musik-Produktion bot sich für die jamaikanischen DeeJays ein Freiraum, der es ihnen ermöglichte, mehr zu tun, als Platten zu wechseln, anzusagen und ein paar Witze zu erzählen. Mit den fast nur instrumentalen Dub Versions hatten sie eine Grundlage für eine eigene 'message' bekommen."
Der Roots-Reggae ist verlangsamt und spiegelt die erneute Unzufriedenheit der Menschen mit der gespannten Situation: Anfang der 70-er Jahre wurde der Zwist zischen der PNP (Peoples National Party) und der JLP(Jamaican Labour Party) Partei immer gefährlicher. "Reggae-Stars, die ihre politische Gesinnung auf ihren Platten veröffentlichten, mussten in ständiger Todesangst leben." Die Musiker - solange sie Rastafaris waren - sehnten sich nach der Heimkehr nach Afrika. "Der Roots-Reggae schuf eine neue, nach Afrika ausgerichtete, kulturelle Identität. Die zentrale Aussage der Rastafari, die Schwarzen seien die "superior race", auf deren Wurzeln es sich wieder zu besinnen gelte, ermöglichte es den Menschen, eigene Wertschätzung und Stolz zu entwickeln. Der Reggae übernahm dabei als kollektiver Ausdruck des Leids sowie tröstender Heilsversprecher, eine soziale Funktion, die zuvor bei der religiös-kultischen Musik der Sklaven zu finden war."
Internationalisierung des Reggae
Zu dieser Zeit verhalf Bob Marley Reggae zu internationalem Erfolg. Es heißt, dass er den Roots-Reggae weltweit verbreitet hat, obwohl er dem ursprünglichen Roots-Reggae Rock Elemente hinzufügte.
Bob Marley wurde der erste Rockstar aus der dritten Welt. Aus den Ghettos von Kingston schaffte er den Aufstieg in die internationale Musikszene. Trotzdem verstanden die Menschen von seiner Botschaft nur wenig. Als gläubiger Rasta besang er Rastafarianismus, Haile Selassie und er sagte allen schwarzen und weißen Unterdrückern den Kampf an. Es muß an den Vibrations gelegen haben, an dem Ausdruck in der Musik, dem Wunsch nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, dass so viele Menschen "Feuer fingen". Aus einem beschleunigten Rocksteady, dessen Bass stärker betont wurde, wurde der Reggae. Der Übergang von Rocksteady zu Reggae verlief harmonisch. Toots & The Maytals gaben der Musikrichtung ihren Namen mit dem Lied "do the reggay". "Generell gesprochen hat der Reggae drei Grundelemente: Riddim, das ist ein Geflecht von Trommel und Percussion, Melodie und Stimme."
Viele verschiedene Menschen begannen nun Reggae zu hören. Neben der westlichen Hörerschaft, denen es vor allem um den guten "Beat" ging, "wurde Reggae weltweit von vielen lokalen Gemeinschaften übernommen. Man findet Reggae bei den Hopi und Havasupai Indianern in Arizona, bei den Palenquero Maroons in Kolumbien, unter der urbanen Jugend in Nigeria und Süd-Afrika, wie auch bei Maoris in Neuseeland und australischen Aboriginees als Ausdruck von etwas "Tieferem" als reiner Unterhaltung. Manche sind von der spirituellen Qualität angezogen, andere auf seiner Betonung auf einer Pan-Afrikanischen Identität, seines Ausdrucks eines Klassenbewusstseins, und wieder andere durch seine Botschaft einer universalen Befreiung."
In Bob Marley fanden alle Schichten der jamaikanische Gesellschaft ihre Stimme . Er gilt heute noch als Held in Jamaika. Als 1978 die Streitigkeiten zwischen den Anhängern der Parteien wieder zunahmen, gab Bob Marley das "One Love"-Konzert. Er holte Seaga, den Vorsitzenden der JLP Partei und den Premierminister Manley auf die Bühne, nahm sie beide an die Hand, als er "One Love" sang.
One Love,
One Heart,
Let's get together and,
Feel alright!
© 2001 Stephan Li, Wien. Aus der Semesterarbeit "Chant Down Babylon, Sklaverei in Jamaika - Widerstand und kulturelle Auswirkungen"